Türkische Schwarzmeerküste

Das war wohl ein unbeabsichtigter Aprilscherz von meiner Seite.
Das Kazachstanische Visum habe ich nach ein bisschen Gejammere bekommen. Dabe hat es wahrscheihnlich sehr geholfen, dass ich patschnass war als ich dort angekommen bin, es hat in Strömen geregnet.
Am Samstag vormittag habe ich dann Istanbul verlassen. Es war aber nicht der 1. April. Der März hat 31 Tage, insofern war es der 31. März, wie wahrscheinlich jeder schon gemerkt hat.

Ich war immer noch leicht erkältet, eine gut Entschuldigung es langsam angehen zu lassen. Die Strecke raus aus Istanbul war normaler Grossstadtverkehr, dann wurde es schnell ruhiger, bergiger, waldiger.
Sobald ich in Sile, der ersten Stadt am Schwarzen Meer war,

hatte ich auch schon genug. Da es etwas kühler war und Dank meiner Erkältung habe ich mir eine kleine günstige Pension gesucht. Ich habe es richtig genossen, am Spätnachmittag noch durchs das kleine Örtchen zu bummeln.

Am nächsten Tag hatte ich einen kurzen Vorgeschmack auf das, was mich weiter der Küste entlang erwarten sollte. Steile Berge, rauf und runter. So steil, dass ich nicht mehr alles fahren konnte. Allerdings muss ich auch zugeben, ich habe nicht mehr den Ehrgeiz alles fahren zu müssen, ein Vorteil, wenn man älter wird. Später musste ich dann feststellen, fahren ist manchmal weniger anstrengend als schieben.
Auf jeden Fall habe ich mich immer gefreut, wenn ich mal wieder 2 km am Stück fahren konnte.
In einem kleinen Touristenort war der Spuk vorerst vorbei. Da es voll ausserhalb der Saison war, waren viele erfreut eine Touristin zu sehen, ich bekam Wasserflaschen und Tee geschenkt.
Humaner ging es weiter, immer noch auf und ab, aber so dass auch ich es in meinem Alter fahren gewillt war. Mein Ziel für den Tag war Kandira, eine Stadt ein bisschen weiter im Landesinneren, eigentlich gross genug um eine Pension oder Hotel zu haben. Ich habe eine Frau danach gefragt, sie meinte, in erstaunlich gutem Englisch, als Ü bernachtungsmöglichkeit gäbe es nur das „Teachers House“. Ich solle zur Polizeistation gehen, die können mir erklären, wo es ist.
Natürlich gehorchte ich willig und wurde von einem Polizisten zum Lehrerhaus geleitet. Dort bekam ich einen ganzen Schlafsaal mit 4 Betten, Dusche und WC für mich alleine, für ungefähr 8 Euro, nicht schlecht. Kurz darauf fing es wie in Strömen an zu regnen.
Wahrscheinlich kam der ganze Regen während der Nacht herunter, denn am nächsten Morgen war wieder eitler Sonnenschein.
Die nassen Strassen glitzertern, sie sahen aus wie silberne Schlangen, die sich auf der anderen Seite des Tales den Berg hochräckelt.
Unterwegs wurde ich wieder von einem Tier attakiert.

Der Schnabel war so lasch, der konnte meinen Waden oder Fahrradtaschen nichts anhaben.
Hier war absolut kein Verkehr mehr und ich Genoss die Ruhe nach dem Tumult in Istanbul.
Wieder einmal ging es nur auf und ab, und wegen dem Regen der letzten Nächte war alles noch nass, nirgends fand ich ein einladendes Plätzchen zum Zelten. Aber als ich in die nächste Stadt, Akcakoca kam, stand ich auf einmal wieder vor einem Ögremenevi (Lehrerhaus). Dieses sah aber wesentlich luxuriösier aus, eher wie ein grosses Hotel. Und wieder einmal sagte ich mir, wenn ich nicht einfach frage, ob man hier übernachten kann, werde ich es nie herausfinden. Also fragte ich einen Mann, der gerade sich dem Gebäude näherte und sofort wurde ich willkommen geheissen. Nach einer kurzen Verhandlung bekam ich das Zimmer für den Lehrerpreis von 28 TL, ca 12 Euro. Nicht ganz günstig, für meine Verhältnisse, aber dafür, was ich dafür bekam, zahlte ich es gerne.
Es war ein luxuriöses Hotelzimmer, mit Balkon und Blick auf einen genialen Sonnenuntergang über dem Schwarzen Meer.

Natürlich das üblich Kabelfernsehen und Wifi waren auch dabei.
Was nicht ganz der Hit war, war das Frühstück. Das machte auch nichts, ich habe sowieso immer mein eigenes Frühstück (Müsli) dabei.
Das brauchte ich auch. Der Anfang war noch angenehm, dann kam ein grössere Stadt, Eregli, die ich eigentich umfahren wollte, wo ich dann die Küstenstrasse nicht fand, alles wieder zurück musste und in grösserem Verkehr wieder durch die Innenstadt musste. Das war gar nichts für meine Nerven. Auch am Anfang von einem höheren Berg war der Verkehr auf der 4 spurigen Strasse für meinen Geschmack zu viel, dann wurde es besser.

In Schlangenlinien kam ich auch den Berg hoch und nebenher noch die fantastische Aussicht geniessen.
Kurz vor dem Gipfel wurde ich von einem türkischen Radfahrer eingeholt. Er hatte ein schickes Trek fahrrad und kleine Satteltaschen und war mit einem Freund auf einer Tagestour. Da sein Freund weiter hinten war, fuhr er neben mir her und hinter dem Gipfel haben wir in einem Cafe auf seinen Freund gewartet.
Sie wohnten in der Nähe von Zongouldak. Eigentlich wollte ich vorher irgendwo zelten, dann meinte er, es sei nicht mehr weit und meinte, er könne mir das Ögremenevi in Zongouldak zeigen. Schliesslich rief er seine Frau an und fragte, ob es OK wäre, wenn er mich mitbringen würde. Auch sein Sohn war damit einverstanden, er lernt Deutsch in der Schule.
Es war dann noch ein ganz schönes Stück und einige Höhenmeter bis zu seiner Wohnung. Ich war ganz schön fertig, als wir endlich dort waren. Ich wurde sehr nett von seiner Familie empfangen und wie immer, nach einer Dusche ging es mir schon wieder etwas besser.

Nach dem Essen wurde ich so müde, dass ich bald ins Bett bin.
Am nächsten Morgen war ich genauso früh wach, wie die anderen, die zur Arbeit und Schule mussten. Nach einem gemeinsamen Frühstück ging auch ich wieder weiter. Allerdings merkte ich die Berge der letzten Tage in den Beinen und wollte nicht unbedingt weiter.
Wieder einmal musste ich durch eine grosse Stadt, Zongouldak, im frühen Morgenverkehr. Das war gar nichts, enge, steile Einbahnstrassen, nicht was ich fertig wie ich war, am frühen Morgen brauchte. Wieder einmal blieb mir nichts anderes übrig, da musste ich einfach durch.
Der Verkehr wurde langsam besser, die Steilheit der Strassen aber nicht. Selten habe ich so viel geschoben und war danach so fertig.
Wenigstens gab es so gut wie keinen Verkehr mehr. Trotzdem, es war das erste mal auf dieser Reise, dass ein LKW neben mir gehalten hat und mich mitnehmen wollte. Ich habe allerdings dankbar abgelehnt.
In einem Dorf hat sich eine Frau zu mir gesetzt und hat mich mir Ayran verwöhnt. Obwohl mein Türkisch praktisch nicht vorhanden ist, weiss ich mittlerweile was ich gefragt werde, immer das gleiche, woher ich komme, wohin ich fahre, alleine, ob ich verheiratet bin und Kinder habe.
Am Abend fand ich endlich ein nettes Plätzchen zum Zelten, gleich neben einem Restaurant ausserhalb eines kleinen Ortes.
Da ich sehr früh mich in meinen Schlafsack verkrochen und geschlafen habe, ging es am nächsten Tag etwas besser. Wie soll es auch anders sein, auch diesmal ging es über ein paar Hügel, zuerst nach Amasra, einer alten Stadt, früher mal wichtiger Hafen, auch für die Seidenstrasse bedeutend, heute leben die Leute hauptsächlich vom Tourismus.


Deswegen hielt mich auch nicht viel in diesem kleine Ort, der vollgepfroft ist mit Souvenierläden.
Lieber fuhr ich weiter in ein kleines, verlassenes Fischerdorf wo ich am Meer ein günstiges Zimmer in einem Motel bekam. Kurz bevor ich dort angekommen war, hatte ich einen Platten im Hinterrad. War nicht weiter schlimm, ich hatte ja noch genug Zeit und die Möglichkeit, den Reifen gleich zu flicken.
Ärgerlicher war es am nächsten Tag.
Die Männer des Dorfes warnten mich vor der nächsten Etappe, steile, schlechte Strassen.

Solche Verkehrsschilder begleiteten mich die nächsten Tage.

Nach ca 7 km hatte ich wieder einen Platten. Wahrscheinlich hat der Flicken nicht richtig gehalten. Am Strassenrand habe ich meinen Ersatzschlauch aufgezogen. Dann hatte ich Ruhe.

Von dem Osterwochenende bekam ich hier absolut nichts mit. Hier grüsst nur ab und zu der Muezzin, wenn ich zufällig in einem Ort bin, ansonsten ist absolute Ruhe, fast kein Verkehr.

Ich hatte das Gefühl, dass auf einmal der Frühling ausgebrochen war. Es gibt hier unglaublich viele Haselnusssträucher, die alle jetzt neue Blätter bekommen.

Sehr schön anzusehen, wenn nicht so viel Müll dazwischen wäre. Überhaupt die türkischen Müllverbrennungsanlagen sind kein schöner Anblick.


Noch weniger gut roch es hier.

Die wenigen, kleine Orte, die auf der Strecke lagen, waren noch sehr verlassen. Die Saison fängt erst im Juni an. Fast alle Hotels und Pensionen waren geschlossen. In einem kleinen Ort war gerade mal ein Hotel geöffnet, das war so schmall und klein, dass der Besitzer sich weigerte, mein Fahrrad irgendwo unterzubringen. Da ich keine Lust hatte zum Zelten, suchte ich eine Lösung für mein Fahrrad und fand diese in der Polizeistation um die Ecke. Dort gab es genug Platz wo mein Fahrrad in Sicherheit übernachten konnte.

Bisher war das Wetter fantastisch. Das änderte sich aber schlagartig. Zu Mittagszeit habe ich noch im Sonnenschein am Meer ein Picknick gemacht, dann zogen Wolken auf, kurz drauf kam ein starker Wind, es hat angefangen zu regnen und plötzlich war es mindestens 10 Grad kälter.
So was habe ich noch nicht erlebt.
Nachdem es aufgehört hatte zu regnen, bin ich weiter. Seit dem Bora in Kroatien, machen mir starke Winde, wenn sie nicht direkt von Vorne kommen, nicht mehr viel aus.
Leider wurde das Wetter nicht genau so schnell wieder gut, es blieb für ein paar Tage recht kalt und regnerisch. Zum Glück wurde mir immer wieder Tee angeboten.

Dann kam Sinop, die erste, grössere Stadt seit Zonguldak, d.h. seit einer Woche. Obwohl ich sonst auch nichts vermisste, war es doch wieder nett, am Abend durch eine richtige Stadt zu schlendern.
Sinop hat noch eine gut erhaltene Festungsanlage, sie ist auf einer Halbinsel gelegen.

Von der nächsten Strecke habe ich nicht viel Ahnung, wie es dort aussieht, ich fuhr fast den ganzen Tag im Nebel. Es lag ein Berg von fast 400m dazwischen, je höher ich kam, desto geringer war die Sichtweite. Teilweise lag sie unter 50m. Da ich die entgegenkommende Autos erst im letzten Moment gesehen habe, hoffte ich, dass die Autos, die von hinten kommen, mich dank meiner Sicherheitsweste etwas früher sehen, auch trotz der Kurven.
Auf dieser Strecke war ich froh, mein GPS zu haben, sonst wäre ich noch total verzweifelt, so im Nebel bergauf zu fahren.
Abwärts merkte ich erst richtig den Nieselregen. Total durchgefroren kam ich unten im Tal wieder an und war froh, mich an einem Cai-Ofen wieder aufwärmen zu können.

Das war vorerst der letzte Berg. Sehr eben ging es nach Samsun. Endlich tat sich auf dem Kilometerzähler wieder mehr, als auf dem Höhenmesser.

Zuerst wurde die Strasse 4-spurig, mit genialem glatten Belag, wo man so richtig dahinfliegen konnte. Der starke Verkehr setzte erst kurz vor Samsun ein. Ich bin auf die Strandpromenade ausgewichen, die gerade neu errichtet wird.


Auch den Amazonen wurde hier ein Denkmal gesetzt, die hier in Anatolien auch aktiv waren.

Es war noch sehr früh, als ich in der Innenstadt angekommen war. Was mich normaler Weise nervt, ein günstiges Zimmer zu suchen, machte hier richtig Spass, ich war noch recht fit und die Innenstadt war sehr interessant, auch was man dort für Zimmer angeboten bekommt.

Ich fand dann noch ein günstiges, was man für die ganze Nacht haben konnte und konnte ohne Fahrrad noch durch die Märkte schlendern.

Als ich am nächsten Tag aus der Stadt gefahren bin, wurde ich von einem Japanischen Päarchen auf dem Fahrrad eingeholt. Sie waren vergangenen Sommer in Polen gestartet und sind jetzt auf dem Heimweg. Sie meinten sie zelten meisten. So etwas ist für mich ein Auslöser um aus der Hotelbequemlichkeit in das doch viel interessantere Zelten überzugehen.
Ein Argument für mich für die Zimmer war, ich wollte es einfach noch ausnutzen, solange es ging. Es werden noch lange Strecken kommen ohne irgendwelche Ü bernachtungsmöglichkeiten, wo ich noch viel Gelegenheiten zum Zelten habe. Und in der Türkei kann man sehr gute Zimmer, recht günstig bekommen. Trotz alledem, wenn ich dann mal wieder gezeltet habe, merke ich, dass es mir doch viel mehr Spass macht.
So habe ich, nachdem ich das japanische Päarchen getroffen hatte, nur noch gezeltet. Sie waren schneller als ich und ich lies sie nach ein paar Kilometer weiterziehen.
Ich fand noch sehr schöne Plätze zum Zelten

direkt am Strand,
Leider führte die Strasse nicht weit davon entfernt vorbei. Erst in den Morgenstunden liess der Verkehr nach. Aber zu was hat man Ohrenstöpsel.

Ab Samsun wurder der Verkehr stärker, die Bevölkerungsdichte ebenso. Es kamen immer mehr grössere Städte. Endlich wurde ich auch darin bestädigt, dass die viele Büsche, die ich gesehen hatte, wirklich Haselnüsse waren. Ich habe schon daran gezweifelt, da ich nicht wusste, was man mit den vielen Nüssen anfangen soll. Jetzt kamen die ganzen Fabriken, die die Früchte verarbeiten und man überall Haselnussprodukte kaufen kann. Anscheinend kommt 70% aller Haselnüsse aus der Gegend.

Vor Trabzon konnte ich auch noch meine Tunnelphobie phantastisch therapieren. Relativ kurz haben die Tunnel angefangen, so um die 400m. So konnte ich langsam Vertrauen in die Beleuchtung und Frischluftzufuhr erlangen, ausserdem vertraute ich darauf, dass die Autofahrer mich mit meiner Sicherheitsweste früh genug sahen. Langsam wurden die Tunnel immer länger und ich konnte mir immer mehr zumuten, bis über einem Kilometer. Da kaum Verkehr war und ich im Tunnel immer viel schneller fahren kann als ausserhalb, war das kein Problem.
Nur bei einem Tunnel, der fast 3km war, habe ich die angebotene Umgehung durch den Ort gewählt, das war dann auch ganz nett. 3km muss man sich als Fahrradfahrerin nicht antun – Phobie hin oder her.

17 Tage war ich seit Istanbul unterwegs, ohne einem einzigen Ruhetag auf nicht ganz leichter Strecke. Das ging ganz schön an die Substanz und ich muss gestehen, ich war sehr froh, als ich in Trabzon angekommen war, ich war ganz schön fertig. Hier konnte ich mich in einem wunderschönen, neuen Studentenwohnheim ausserhalb auf einem Berg fantastisch ausruhen.
Trabzon ist eine sehr alte, interessante Stadt, wo ich die ersten Kirchen in der Türkei, ausserhalb von Istanbul, gesehen habe.

Wie zum Beispiel die Hagia Sophia (nein, nicht jede Kirche in der Tuerkei heisst Hagia Sophia!) mit den fantastischen Wandmalereien.

Nirgendwo habe ich so viele Radfahrer getroffen wie hier. Die meisten kommen her uum ein Iranisches Visum zu beantragen, das muss hier sehr einfach sein. Bisher habe ich noch keinen getroffen, der meine Route fahren möchte.

Nach drei Nächten war ich genug ausgeruht, bekam das Krippeln in den Beinen und musste weiter ziehen. Obwohl, es war ja schon sehr nett mit den jungen Studenten und mit dem Besitzer, vielen Dank an Sedat.

Am 19. April habe ich mich im Regen, nachdem mir Sedat einen Platten im Vorderreifen geflickt hatte, wieder auf den Weg gemacht.

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